Zuerst mal dies: Es ist eine längst überfällige Entwicklung, dass Minderheiten wie LGBTI* und BIPoC endlich eine Stimme bekommen und es in weiten Teilen der westlichen Mainstream-Gesellschaft mittlerweile anerkannt ist, dass sie gleichberechtigt behandelt werden und leben können sollen. Dafür zu kämpfen, ist wichtig, und es wird noch einen langen Atem brauchen, bis dieses Ziel für alle überall erreicht ist.

Ein Instrument auf dem Weg dorthin ist auch Political Correctness: Zum Beispiel Menschen so zu bezeichnen, dass sie sich nicht herabgesetzt oder beleidigt fühlen. Sprache kann Denken beeinflussen und somit auch das Leben. Es ist der Versuch, gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden – gelegentlich werden sie damit sogar unterstützt. Es geht um Respekt und Rücksicht, das alles ist gut und wichtig.

Political Correctness schränkt auch die Meinungs- und Redefreiheit nicht ein. Wer sich nicht daran hält, muss einfach da und dort damit rechnen, Widerspruch zu ernten. Muss vielleicht argumentieren, muss sich auseinandersetzen. Mühsam? Schon möglich. Aber vielleicht auch spannend, eine Bereicherung, ein Keim für Veränderung.

Soweit so gut also. Aber man kann es halt auch übertreiben – und immer, wenn man es übertreibt, erweist man der Sache einen Bärendienst.

Kürzlich hat sich die schwarze Schauspielerin Halle Berry dafür entschuldigt, dass sie es in Betracht gezogen hat, in einem Filmprojekt einen trans Mann zu spielen. Schon 2018 zog sich Hollywoodstar Scarlett Johansson nach harscher Kritik vom Filmprojekt «Rub & Tug» zurück, in dem sie einen trans Mann hätte spielen sollen. Ähnlicher Protest wird inzwischen auch regelmässig bei der Besetzung schwuler und lesbischer Rollen laut. Die Argumente dafür gehen so: Nur wer diese Erfahrung am eigenen Leib durchmacht, kann es überzeugend in einem Film verkörpern. Und: Es gäbe genügend LGBTI*-Darsteller_innen, warum gibt man denen keine Chance?

Es gab mal eine Zeit, da war man froh, wenn man einen echten Star für eine solche Rolle gewinnen konnte. Warum? Weil Stars Kinotickets verkaufen. Weil so vielleicht auch Leute den Film schauen, die sonst aufgrund des Themas nie auf die Idee kämen. Und so mit Geschichten und Gedanken in Berührung kommen, die vielleicht etwas in ihnen in die richtige Richtung bewegen könnten. Hätte «Brokeback Mountain» (2005) global 178 Millionen Dollar eingespielt ohne die Hetero-Stars Heath Ledger und Jake Gyllenhaal in den Hauptrollen?

Forderung erfüllt, Film abgeblasen

Im Fall von Scarlett Johansson war die Folge, dass das Filmprojekt begraben wurde, offenbar gabs ohne den grossen Namen Finanzierungsprobleme. Die Political Correctness hat also gewonnen, aber um den Preis, dass ein Projekt abgesagt wurde, das vielleicht Köpfe und Herzen hätte bewegen können. Ist das wirklich ein Sieg? Immerhin wurde kürzlich angekündigt, dass «Rub & Tug» als TV-Serie wiederbelebt werden könnte, zumindest wurde das Drehbuch für eine erste Folge in Auftrag gegeben – mal sehen, ob daraus mehr wird.

Der Kern der Schauspielerei ist es, jemanden darzustellen, der/die man selbst nicht ist. Und Tausende von erfolgreichen Filmen und Serien haben bewiesen, dass das weitgehend recht problemlos funktioniert. Man muss kein Mörder sein, um einen zu spielen, auch kein verrückter Diktator oder erfolgreicher Wrestler, keine Geschäftsfrau oder Superheldin oder Krebsüberlebende. Im neuen Historienfilm «The Personal History of David Copperfield» spielt der britisch-indische dunkelhäutige Dev Patel («Slumdog Millionaire», «Skins») die Hauptrolle – muss er sich nun entschuldigen? Schliesslich hat Charles Dickens mit seinem Romanklassiker ein Stück weit seine eigene Lebensgeschichte fiktionalisiert und ist ja wohl definitiv ganz anders aufgewachsen als Dev Patel. Dieser hat niemals dieselbe Erfahrung eines weissen Jungen aus dem britischen Mittelstand des 19. Jahrhunderts am eigenen Leib durchgemacht und kann das folglich unmöglich überzeugend genug rüberbringen… oder?

Nein, man muss nicht LGBTI* sein, um eine solche Rolle erfolgreich zu verkörpern. Es gehört schlicht zur Basisanforderung von Schauspieler_innen, sich die dafür notwendigen Fähigkeiten und Erfahrungen anzueignen; es gibt genügend Filme und Serien, die zeigen, dass das bestens funktioniert. Und wenn man nun für ein Projekt auch noch einen richtigen Hollywood-Superstar an Land ziehen kann, der statt ein paar 1000 möglicherweise ein paar Hunderttausend Zuschauende anlocken kann, ist es hochgradig kontraproduktiv, sich ausgerechnet darüber zu beklagen.

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