In den 50 Jahren seit Stonewall hat die LGBTI*-Community viel erreicht. So viel, dass manche fragen, ob es jetzt nicht langsam gut ist. Ist es nicht. Auch in der Schweiz ist die vollständige Gleichstellung noch immer nicht erreicht – und ausserhalb der westlichen Welt herrscht vielerorts finsteres Mittelalter für LGBTI*.

Hätte man den Demonstrierenden vor der New Yorker Stonewall-Bar Ende Juni 1969 gesagt, dass auch sie später mal ihre grosse Liebe ganz offiziell heiraten und eine Familie gründen dürfen, hätten sie wohl nur ungläubig gestaunt. Tatsächlich ist der gesellschaftspolitische Fortschritt eindrücklich, der in Europa und Nordamerika seither passiert ist. Die Niederlande waren 2001 das erste Land der Welt, das die Ehe für Lesben und Schwule öffnete, inzwischen haben es 28 getan, darunter die USA und Kanada sowie ganz Westeuropa mit Ausnahme Italiens und der Schweiz.

In vielen weiteren Ländern – auch Italien und der Schweiz – gibt es Partnerschaftsgesetze, die gleichgeschlechtlichen Paaren eheähnliche Rechte verleihen. Vielerorts gibt es zusätzliche Nicht-Diskriminierungsgesetze und Regelungen, die es Lesben und Schwulen ermöglichen, eigene Familien zu gründen. Und in einigen Ländern ist es mittlerweile auch recht einfach, die Geschlechtsidentität bei Behörden und in Pässen ändern zu lassen.

Das alles wurde in jahrzehntelangem hartnäckigem Kampf durch zig-Tausende von LGBTI*-Aktivist_innen erreicht – auf der Strasse, in Gerichtssälen oder schlicht durch Coming-outs im Familien- und Freundeskreis, welche die gesellschaftliche Sichtbarkeit über die Jahre mehr und mehr erhöhten. Enorm geholfen hat zudem die starke Säkularisierung in der westlichen Welt: Religiöse Normen, die Homosexualität fast ausnahmslos ablehnen, sind heute in unserem Teil der Welt nur noch wenigen Menschen wichtig. Auch die öffentlichen Coming-outs von Prominenten und die Selbstverständlichkeit, mit denen seit einigen Jahren LGBTI*-Charaktere in TV-Serien präsent sind, haben ihren Teil zur Verbesserung der Lage beigetragen. Immer mehr Menschen realisierten: LGBTI* sind «Leute wie du und ich», und es gibt keinen Grund, sie schlechter zu behandeln.

Doch leider ist das noch längst nicht überall so. Im Gegenteil: In weiten Teilen der Welt sind queere Menschen noch immer in der gleichen Situation wie jene, die sich 1969 in New York erstmals gegen Polizeigewalt zur Wehr setzten. Und auch in der westlichen Welt gibt es starke politische Strömungen, die sich einen Backlash wünschen. Nicht zuletzt sind da noch Länder wie die Schweiz, in denen LGBTI* ganz gut leben, einige Rechte jedoch noch immer auf sich warten lassen, die anderswo mittlerweile selbstverständlich sind.

Hier also drei Gründe, weshalb der Kampf fortgeführt werden muss:

  1. Die Schweiz

In der Europa-Rangliste der LGBTI*-Menschenrechtsorganisation ILGA schafft es die Schweiz nur gerade auf Platz 27 von 49, etwa gleich auf mit dem Kosovo und der Slowakei und hinter Albanien, Bosnien und Montenegro. ILGA sieht die Gleichstellung und den Schutz in der Schweiz nur zu 29 Prozent erfüllt – auf den ersten drei Rängen liegen Malta (90%), Belgien (73%) und Luxemburg (70%). Es fehlt hierzulande nicht nur die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, die sich derzeit mit quälender Langsamkeit durch den parlamentarischen Prozess bewegt und frühestens 2021 Realität werden dürfte, sondern auch Diskriminierungsschutz auf diversen Ebenen. Grossen Nachholbedarf gibt es zudem bei Trans- und Inter-Rechten. Und auch Gewalt gegenüber LGBTI* wird behördlich nicht systematisch erfasst, obwohl sie regelmässig passiert. Allerdings muss man relativierend festhalten, dass queere Menschen im Schweizer Alltag wohl weniger stark mit Anfeindungen konfrontiert sind als in diversen Ländern Osteuropas, wo die offizielle Rechtslage fortschrittlicher sein mag, die gesellschaftliche Akzeptanz jedoch noch stark zu wünschen übrig lässt.

  1. Die westliche Welt

Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus in vielen Ländern Europas, aber auch in den USA oder Brasilien, erscheinen viele Fortschritte der letzten Jahre plötzlich wieder gefährdet – oder zumindest fragiler, als man sich das bis vor kurzem noch vorgestellt hätte. Fast alle diese Parteien bekämpfen nicht nur die «Elite» und Migranten, sie haben oft auch LGBTI*-Rechte im Visier. Bisher sind sie noch in keinem Land stark genug, um Errungenschaften tatsächlich rückgängig zu machen, aber sie erschweren weitere Fortschritte. Und sie könnten stärker werden. In den USA, wo seit 2017 ein aggressiver Rechtspopulist im Weissen Haus sitzt, lassen sich die Verschlechterungen konkret aufzeigen – von LGBTI*-feindlichen Richtern über ein Verbot für trans Menschen im Militär bis hin zu aufgeweichtem Diskriminierungsschutz versucht die Trump-Administration alles, um ihre rechtsnationale und evangelikale Wählerschaft glücklich zu machen. Einige homo- und transfeindliche Menschen fühlen sich dadurch auch ermutigt, ihren Hass auszuleben: Hate Crimes gegenüber queeren Menschen haben in den USA klar zugenommen. Der Kampf für mehr LGBTI*-Rechte in der westlichen Welt ist deshalb gleich bedeutend mit dem Kampf gegen den wachsenden Rechtspopulismus. Daneben gilt es, konkret jene Defizite anzugehen, die es in den einzelnen Ländern noch gibt – auf dass in naher Zukunft alle dort auf der ILGA-Liste ankommen, wo Malta heute schon steht.

  1. Die restliche Welt

Da und dort gibt es natürlich auch positive Entwicklungen: Mehrere Länder Zentral- und Südamerikas kennen inzwischen die gleichgeschlechtliche Ehe, und Taiwan hat sie im Frühling als erste Nation Asiens eingeführt. Aber nur schon ein Blick nach Osteuropa und Russland ist äusserst deprimierend. Es fehlt nicht nur rechtlicher Schutz, es fehlt vor allem auch an gesellschaftlicher Akzeptanz: Homo- und Transfeindlichkeit sind quasi an der Tagesordnung. Noch finsterer sieht es in weiten Teilen Afrikas und des Nahen Ostens aus: In elf Ländern wird Homosexualität mit dem Tod bestraft, etwa Iran, Saudi Arabien, Afghanistan oder Sudan, in 57 weiteren droht Gefängnis. Und auch in Südafrika hinkt die gesellschaftliche Akzeptanz den fortschrittlichen Rechten weit hinterher. Der Weg der LGBTI*-Menschen in diesen Ländern ist noch weit, ihr Kampf teilweise lebensgefährlich – wir sollten helfen, wo wir nur können.