Das Kakuma-Flüchtlingslager im Nordwesten Kenias existiert bereits seit 1969 und wird vom UNHCR betreut. Über 60’000 Menschen leben dort, die vor dem Krieg im Sudan, aus Lagern in Äthiopien und nicht zuletzt vor queer-feindlicher Gewalt aus repressiven Staaten geflohen sind.

Kakuma liegt im Norden Kenias, etwa 120 km nördlich von Lodwar im Turkana County mit über 100’000 Einwohner_innen. Auch viele LGBTI*-Menschen aus Ostafrika fliehen nach Kakuma, mit dem Ziel, vom Flüchtlingscamp aus irgendwie weiter zu kommen – in der Hoffnung, eines Tages ihre queere Identität nicht mehr verstecken zu müssen. Die meisten Geflüchteten kommen aus Uganda, Burundi und der Republik Kongo, wo Homosexualität mit Gefängnis, Gewalt, öffentlichen Auspeitschungen oder Ausschluss aus der Familie bestraft wird. Aber auch Kenia ist für queere Menschen alles andere als ein sicherer Hafen, denn Homosexualität kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. In ihrem temporären Zuhause werden geflüchtete LGBTI* also erneut dazu gezwungen, ihre wahre Identität zu verstecken. Einige verbringen Monate oder gar Jahre im Camp und hoffen darauf, eines Tages nach Europa oder Nordamerika reisen zu dürfen.

Spiessrutenlauf für einen Safe Space im Flüchtlingscamp

Das Kakuma-Camp wurde international bekannt, als dort im Juni 2018 die erste Pride überhaupt in einem Flüchtlingslager abgehalten wurde, die dann prompt in gewalttätigen Reaktionen eskalierte. Organisiert wurde der Marsch von der Organisation Rainbow Coalition of East Africa. Massiver Homo- und Transfeindlichkeit ausgesetzt, machten Betroffene im Flüchtlingslager mit Transparenten und Regenbogenfahnen auf ihre missliche Lage aufmerksam. Nachdem tags zuvor ein schwuler Mann von unbekannten Angreifern schwer misshandelt wurde, forderten sie einen besseren Schutz von den Vereinten Nationen, die für die Betreuung des Camps zuständig sind. Doch die Aktion artete rasch aus, und andere geflüchtete Menschen griffen die Demonstrierenden vor dem Büro des UNHCR an. Rund dreissig queere Menschen wurden verletzt und mussten medizinisch versorgt werden.
Am 11. Dezember 2018 fand erneut ein Protestmarsch statt. Es wurde darauf hingewiesen, dass sich die Situation für LGBTI*-Menschen nicht verbessert hat, dass es innerhalb des Camps nach wie vor zu Diskriminierung komme und dass das UNHCR queeren Menschen auf allen Ebenen zu wenig Schutz biete vor Homo- und Transfeindlichkeit. Daraufhin gab das UNHCR bekannt, dass geflüchtete LGBTI* in die Hauptstadt Nairobi verlegt und dort in einem Safe House in Sicherheit gebracht würden. 20 der rund 170 LGBTI*-Menschen seien bereits verlegt worden, die restlichen 150 folgten per Ende Dezember 2018. Die Sicherheit im Camp könne für sie nicht gewährleistet werden, hielt das UNHCR fest. Aktivist_innen der Rainbow Flag Kakuma forderten zusätzlich, dass sie in ein Drittland gebracht werden, in dem sie frei und ohne Angst vor Homo- und Transfeindlichkeit leben können. Dies jedoch könne bis zu einem Jahr dauern, erklärte ein Sprecher des UNHCR, da die meisten Länder die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität nicht als wichtigen Grund für einen Asylantrag anerkennen. Die Hoffnung der LGBTI*-Community in Kakuma ist es, dass die Welt Notiz nimmt von ihrer Schutzbedürftigkeit und ihnen damit die dringend notwendige Unterstützung zukommen lässt, beispielsweise in Form von Asyl für besonders verletzliche Menschen.

Paradox: UNO will Beweise, der Alltag zwingt zum Verstecken

Als logische Konsequenz aus der marginalisierten Situation auf der Flucht werden queere Menschen dazu gezwungen, sich zu verstecken, physisch wie auch emotional. Das aber kann bei der Befragung durch UN-Mitarbeitende zu den Fluchtgründen zu Schwierigkeiten führen, wenn es darum geht, die eigene LGBTI*-Identität zu beweisen, um Schutz vor Verfolgung zu erhalten. Dadurch entsteht das schwierige Paradoxon queerer Geflüchteter: Einerseits müssen sie der UNO beweisen, dass sie aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität flüchten mussten. Andererseits zwingt der Alltag im Camp sie zu einem ständigen Spiessrutenlauf und zum Verbergen dieser sexuellen oder geschlechtlichen Identität.

Zweiter Anlauf für Pride

Im Juni 2019 wurde bekannt, dass die Evakuation von 20 trans Personen ins Safe House noch immer nicht vollzogen wurde. Kurz darauf erzwang der Vermieter des Safe House plötzlich die polizeiliche Räumung des Hauses und vertrieb so die Queers von ihrem sicheren Ort. Die Begründung des Vermieters: LGBTI*-Menschen verbreiteten Krankheiten und seien deshalb nicht mehr länger willkommen. Ein Betroffener sagte gegenüber Gay Star News, dass die Situation nun so schlimm sei wie noch nie. Vor der Räumung hatten 76 Queers in sechs Räumen gelebt. Seit der Zwangsräumung leben sie nun in zwei Zimmern.

An einer zweiten Pride sollte deshalb erneut auf die unsichere Situation der Betroffenen aufmerksam gemacht werden. Obwohl es ein schwieriges Unterfangen ist, eine Pride in einem Land zu organisieren, in dem Homosexualität kriminalisiert ist, tun die mutigen Aktivist_innen der Rainbow Flag Kakuma dies unbeirrt. Zu den Schwierigkeiten gehörte unter anderem, dass die Behörden die Bewilligung für den Anlass nicht erteilten, so Mbazira Moses, Vorstand der Organisation, auf Facebook. «Wir sind konfrontiert mit Ignoranz und einer sehr geringen Sensibilität für Anliegen von Geflüchteten bei den Politiker_innen, die das Sagen haben.» Doch Rainbow Kakuma Flag gelang es, für den Anlass mittels Crowd-Fundraising 1500 Dollar zu organisieren.
Die zweite kenianische Pride fand dann am 16. Juni beim Safe House am Rande Nairobis statt. Doreen, eine 27-jährige trans Frau aus Uganda bringt die Situation der Geflüchteten in Kakuma gegenüber Gay Star News auf den Punkt: «Das Leben zu Hause war nicht einfach. Aber auch hier in Kenia ist es schwierig. Wir dachten, es werde besser, aber wir müssen uns immer noch verstecken. Was für ein Leben ist das, wenn du nicht sein kannst, wie du bist?»
Immerhin: Bei der zweiten Pride kam es zu keinen Gewaltvorfällen. Ob ein solcher Anlass irgendwann auch im Zentrum der kenianischen Hauptstadt stattfinden kann, wird sich zeigen.