Zwischen Feminiziden und feministischem Frühling – Mexiko ist ein Land der Widersprüche. Edith Olivares Ferreto, Direktorin von Amnesty Mexiko, engagiert sich auch gegen geschlechtsspezifische Gewalt.

Von Anna Lena Glesinski und Johanna Wild

Lachend erscheint sie auf dem Bildschirm und entschuldigt sich für die Verspätung. Heiss sei es in Mexiko-Stadt, sagt sie, und fächelt sich mit den Händen Luft zu. Bei Edith Olivares Ferreto ist es zehn Uhr morgens. Sie kommt gerade aus einem Vorbereitungstermin für ein anstehendes Lobbygespräch zu einem Gesetz, über das bald im Parlament diskutiert werden soll. Im Anschluss an unser Gespräch steht sie der wohl bekanntesten mexikanischen Journalistin, Carmen Aristegui, Rede und Antwort.

Edith Olivares Ferreto ist Direktorin von Amnesty International Mexiko. Wir haben sie bereits in unterschiedlichen Situationen erlebt: in Gesprächen mit dem Auswärtigen Amt, als Gast einer Menschenrechtstagung oder als Expertin in einer von uns organisierten Veranstaltung. Angesichts der dramatischen Menschenrechtslage in Mexiko wirken ihr unermüdlicher Optimis­mus und ihre Gelassenheit verblüffend.

Nur zwei Prozent der Täter werden bestraft

Wenn die Soziologin Ferreto über die ausufernde Gewalt in Mexiko spricht, redet sie schnell und ohne Dramatisierung. Komplexe Zusammenhänge knapp und verständlich aufzuzeigen, gehört zu ihrem Tagesgeschäft: 100.000 Verschwundene, elf Frauenmorde pro Tag, schwerwiegende Defizite in der Strafverfolgung, nur zwei Prozent der Täter werden bestraft. In unserem Gespräch ist nichts von dem schnellen Takt zu spüren, den die Termine mit Regierungs-, Behörden- und Medienvertre­ter*in­nen vorgeben. Ferreto erzählt ausgelassen, wie sie als ­Jugendliche in ihrem Geburtsland Costa Rica ein von Amnesty organisiertes Musikfestival besuchte. Schon damals beeindruckte sie die Kraft der Menschenrechtsbewegung, die sie heute selbst verkörpert.

Seit Jahren ist der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt Ferretos Arbeitsschwerpunkt und ihre Herzensangelegenheit: „Als ich vor 21 Jahren nach Mexiko kam, ein Land, in dem die Menschen für alles Mögliche auf die Strassen gehen, wunderte ich mich über die wenig ausgeprägten Frauenproteste. Aneinandergereiht streckten wir unsere Arme aus, um zu sehen, ob wir 100 Meter erreichen könnten“.