Viele islamische Länder und Gesellschaften tun sich schwer mit LGBTI*. Wir haben mit vier Muslimen diskutiert, weshalb das so ist – und was es für eine Besserung bräuchte.

WESHALB IST ES FÜR VIELE LGBTI*, DIE IN DER ISLAMISCHEN WELT ODER IN MUSLIMISCHEN FAMILIEN AUFWACHSEN, SO SCHWIERIG, ZU SICH ZU STEHEN UND OFFEN ZU LEBEN?
Elias: Aus meiner Sicht handelt es sich dabei weniger um ein religiöses, als um ein kulturelles Problem. Mir fiel schon früh auf, dass der Islam historisch recht offen war gegenüber Homosexualität – weil mich interessierte, weshalb sich das geändert hat, habe ich meine Bachelorarbeit darüber geschrieben. Homosexuelles Verhalten war in der islamischen Frühzeit weit verbreitet und wurde nicht gross problematisiert, davon zeugen auch viele kulturelle Werke. Die Lage änderte sich aus zwei Gründen: Homosexualität wurde im 19. Jahrhundert von einem Verhalten zu einer Identität, und die europäischen Kolonisten brachten diese Kategorisierung mit in den islamischen Raum. Dort hatte man das bis dahin nicht gekannt. Sie brachten auch ihre negative Haltung und teils harsche Verbote mit, die zumindest teilweise übernommen wurden. Im Koran hingegen lassen sich keine konkreten Aussagen zu Homosexualität finden, einzelne Passagen können allenfalls in diese Richtung interpretiert werden. Ausserdem ist es wichtig zu erwähnen, dass klassische islamische Gelehrte zwischen Sex und Gefühl unterschieden: Analsex zwischen Männern galt als Sünde, nicht aber Liebe und romantische Gefühle. Heutige Machthaber in islamischen Ländern argumentieren fast überall gleich: Sie behaupten, Homosexualität sei ein westlicher Import, etwas, das es in ihren Kulturen nicht gebe. Was natürlich Unsinn ist. Aber es besteht im Nachgang der Kolonialzeit ein grosses Bedürfnis, sich von Europa zu distanzieren – und sexuelle Freiheit wird als westlicher Wert betrachtet. Hinzu kommt die Vorstellung, wie ein Mann zu sein hat. Schwule gelten als weich und effeminiert, und speziell in arabischen Gesellschaften erwartet man von einem Mann, dass er stark und männlich ist.

SEHR IHR DAS AUCH SO: DAS PROBLEM IST NICHT DIE RELIGION, SONDERN DIE KULTUR?
Christian: Absolut. Der Islam wird missbraucht, um kulturelle Dogmen und Verbote zu begründen und Minderheiten zu marginalisieren. Homosexualität wird auch gerne als Sündenbock für alle möglichen Übel gesehen – Erdbeben, Stürme, egal was: die Schwulen sind dafür verantwortlich. Je nach Land, kultureller Tradition und persönlicher Familiensituation variieren die Herausforderungen, aber dieses Phänomen findet sich in Afrika ebenso wie im Nahen Osten und teils auch noch immer in Europa. Auf LGBTI* in diesen Ländern lastet also enormer Druck. Und das, obwohl es seitens des Glaubens dafür gar keinen Grund gibt – es steht sogar in klarem Gegensatz zur Botschaft Gottes. Ziel müsste sein, dass LGBTI*-Menschen sich auch in diesen Ländern frei entfalten können, ohne Druck und Diskriminierung, ohne das Gefühl, sich dauernd rechtfertigen zu müssen. Mir ist natürlich klar, dass das eine sehr ambitionierte Vision ist. Aber früher oder später kommen wir dorthin.
Kerem: Ein Hauptproblem ist das weit verbreitete Unwissen unter Musliminnen und Muslimen. Sie wissen nicht, dass Homosexualität in der islamischen Frühzeit kein Problem war, sie kennen den Koran nicht gut genug, um zu erkennen, dass darin keine Aussagen zu dem Thema gemacht werden. Sie setzen sich nicht intensiv genug damit auseinander, um zu erkennen, dass das, was ihnen von Imamen und Machthabern erzählt wird, schlicht falsch ist. Eine Aufklärung in diesen Bereichen wäre dringend nötig. Aber viele Moscheen und religiöse Institutionen tun dies nicht, weil sie fürchten, deswegen Macht und Einfluss zu verlieren.
Mazin: Schön und gut, aber gibts nicht doch auch religiöse Gründe? Aus meiner Sicht finden sich Passagen im Koran, etwa bei der Geschichte von Lot und Sodom, aus der sich eine Ablehnung der Homosexualität klar herauslesen lässt. Christian: Das ist letztlich eine Frage der Interpretation, die Geschichte selbst ist in diesem Punkt sehr vage. Im gesamten Koran findet sich keine klare Ablehnung von Homosexualität.
Kerem: Wer das negativ auslegen will, findet natürlich einen Weg. Aber aus meiner Sicht gibt es keine Grundlage dafür.

UND DOCH MACHT ES DAS SCHWIERIG, NICHT? WENN ALLE DEN TEXT NACH DEN EIGENEN INTERESSEN AUSLEGEN UND ALLES DAMIT BEGRÜNDEN KÖNNEN.
Mazin: Genau. Und obwohl ich an sich einverstanden bin mit der Einschätzung, dass die negative Haltung gegenüber LGBTI* vor allem kulturell begründet ist, gibt es eben auch für Muslime verbindliche ergänzende Texte zum Koran, Aussagen des Propheten, die eine solche negative Interpretation zulassen und um die man als Gläubiger eigentlich nicht herumkommt. Ausser man sagt: Für mich ist das nicht massgebend, es hat nicht die gleiche Relevanz wie der Koran. So habe ich mir das zum Beispiel zurechtgelegt. Aber aus meiner Sicht gibt es auch religiöse Gründe.
Kerem: In gewisser Weise stimmt das auch, weil die Ablehnung von LGBTI* ja offiziell mit Religion begründet wird. Der Interpretationsspielraum dafür besteht ganz klar. Aber gemacht wird es eben nicht aus theologischen, sondern aus gesellschaftlichen Gründen.
Christian: Hintergrund von all dem ist auch ein grosser Minderwertigkeitskomplex, ein Gefühl des Identitätsverlusts, den die Menschen in diesen Ländern durchgemacht haben. Jahrhundertelang dominierte die arabische Zivilisation diesen Teil der Welt, wissenschaftlich, kulturell, militärisch. Diesen Dominanzverlust zu verdauen, ist nicht einfach. Deshalb ist ihnen die Abgrenzung zum Westen so wichtig, deshalb stellen sie ihre eigene Hypermaskulinität heraus, indem sie Homosexualität ablehnen. Deshalb be stehen sie so stark auf ihrem dogmatischen Glauben. Kerem: Erschwert wird eine Veränderung auch durch das Verhalten gegenüber Autoritäten. Sie werden kaum in Frage gestellt und haben deshalb enorme Macht, egal ob religiös oder staatlich. Und leider gibt es kaum mutige Gelehrte in diesen Positionen, die es wagen, diese traditionellen Vorstellungen und Lehrmeinungen zu kritisieren.
Elias: Dabei geht es nicht nur um Machtverlust, sondern auch um die Angst vor heftigen Gegenreaktionen. Wer es wagt, althergebrachte Positionen anzuzweifeln, wird schnell aggressiv beschuldigt, «den Islam» verändern zu wollen. Obwohl es mehr theologische Argumente für die Akzeptanz von Homosexualität gibt als dagegen. Aber die Ablehnung ist so verbreitet, dass es als Frevel gilt, dies auch nur in Frage zu stellen.
Mazin: Wenn ich zurückdenke an die Zeit, als ich ein verwirrter Teenager in Saudi Arabien war, hilft mir all das nicht weiter bei meinen damaligen Ängsten, den Konflikten mit der Religion, beim Selbsthass, den Selbstmordgedanken. All diese Argumente klingen für mich ein bisschen wie Ausreden: Die Lehre ist diesbezüglich doch glasklar, und man muss sich schon ziemlich verdrehen, um darin eine positive Interpretation für LGBTI* zu finden.
Christian: Aber im Islam ist noch so viel mehr, so viel Positives, vieles auch, das man aus verschiedenen Blickwinkeln lesen kann. Der Punkt ist doch: Wir müssen einen Weg finden, miteinander zu koexistieren, egal, welcher Interpretation wir anhängen. Zu verändern, wie jemand über diese Dinge denkt, ist nahezu unmöglich. Aber ihn dazu zu bringen, neben seiner auch andere Sichtweisen zuzulassen, das müsste zu schaffen sein.

«In Pakistan wird seit kurzem ein drittes Geschlecht anerkannt, damit sind sie weiter als viele westliche Länder. Auch im Iran gibt es (…) Signale von grösserer Offenheit. Es tut sich mehr, als man hier gemeinhin mitbekommt.» KEREM

Kerem: Es gibt zwei Wissenschaftler, die auf die Kernwerte des Islams fokussieren und jedes Jahr mit dem «Islamicity»-Index messen, in welchen Ländern diese am stärksten verwirklicht sind. 2017 stand Neuseeland an erster Stelle, die Schweiz auf Platz 5, Deutschland auf Platz 12. Das erste kulturell islamische Land, Malaysia, findet sich auf Platz 43, Saudi Arabien auf Platz 88. Das illustriert sehr schön den Unterschied zwischen den eigentlichen religiösen Werten des Islam und seiner kulturellen Ausprägung in den einzelnen Ländern. Auch wenn die Kalkulationen natürlich umstritten sind.

MAZIN, WIE LIEF DAS GENAU MIT DEINEM COMING-OUT?
Mazin: Ich ahnte schon sehr früh, dass ich schwul bin. Ich sah dies als grossen Makel und bemühte mich deshalb umso mehr, überall sonst perfekt zu sein. Nicht nur war ich deshalb ein exzellenter Schüler, ich nahm auch die Religion sehr, sehr ernst. Mit 14 betete ich überall zu den vorgegebenen Zeiten, egal wo ich gerade war – auf Reisen in New York, am Flughafen, auf der Strasse. Ich nahm die Religion so ernst, dass ich es sogar als Sünde ansah, mich auf einen Stuhl zu setzen, auf dem zuvor eine Frau gesessen hatte, da deren Körperwärme dort noch spürbar wäre. Ich hielt mich bewusst von Frauen fern, dafür kam es zu ersten sexuellen Kontakten mit einem Cousin. Es gab eine Zeit, in der ich dem Islam die «Schuld» an meinem Schwulsein gab: Wegen der Religion durfte ich mich Frauen nicht nähern, also fing ich an, Männer zu mögen. Erst mit 20 wurde Religion weniger wichtig, und ich fing an, meine Sexualität freier zu erkunden. Aber ich hasste mich dafür, auch weil Schwule in der saudischen Gesellschaft geradezu verachtet werden. Ich entwickelte Depressionen und liess mich fünf Jahre ärztlich behandeln. Meinen Eltern sagte ich, dass ich schwul sei und hetero werden wolle. Erst später begann ich, mich mit meiner Sexualität wohler zu fühlen. Ich entdeckte online viele Informationen und bestellte Bücher aus dem Ausland. Erst dadurch realisierte ich, dass es im historischen Islam eine lange Tradition der Offenheit gegenüber Homosexualität gab. Nach und nach akzeptierte ich mich, die Depressionen verschwanden.

UND WIE SIEHT HEUTE DAS VERHÄLTNIS ZU DEINER FAMILIE AUS?
Mazin: Meinen Eltern erklärte ich, ich sei zwar weiter schwul, würde es aber nicht praktizieren. Heute haben wir eine Art «Don’t ask, don’t tell»-Strategie. Wir reden einfach nicht darüber. Mein jüngster Bruder ist der einzige, der wirklich über mich Bescheid weiss und das akzeptiert und entspannt sieht. Er ist Teil einer neuen Generation, aber auch sehr beeinflusst durch die US-Medien, die dem Thema locker gegenüber stehen.

«Ganz wichtig wäre es auch, Kritik gegenüber religiösen Autoritäten zuzulassen, das ist leider derzeit nicht sehr verbreitet. Mein Glaube wurde durch Hinterfragen klar gestärkt.» ELIAS

KEREM, BIST DU SCHON MIT DEINER HEUTIGEN HALTUNG AUFGEWACHSEN ODER HAT SICH DIE ENTWICKELT?
Kerem: Ich bin traditionell aufgewachsen. Wäre ich damals mit einem Schwulen konfrontiert worden, hätte ich seine reine Existenz als Angriff auf meine Identität gesehen, so wie ich sie damals verstanden habe. Noch vor vier Jahren hätte ich wohl aggressiv auf einen Schwulen reagiert, der mit mir flirtet – heute nicht mehr. Für mich ist der Koran eine Richtschnur in allen ethischen und moralischen Fragen. Und irgendwann habe ich realisiert, dass es darin keine Grundlage gibt für die traditionell vorherrschenden Lehrmeinungen zur Homosexualität. Letztlich hat der Koran selbst und mein Verständnis, wie er zu lesen ist, zu meiner heutigen positiven Haltung gegenüber LGBTI* geführt – und mir geholfen, die kulturell erlernte Negativität zu überwinden. Dazu beigetragen hat vielleicht auch, dass ich Mathematik studiert habe und deshalb gewohnt bin, Themen rational und logisch anzugehen.

«Zu verändern, wie jemand über diese Dinge denkt, ist nahezu unmöglich. Aber ihn dazu zu bringen, neben seiner auch andere Sichtweisen zuzulassen, das müsste zu schaffen sein.» CHRISTIAN

ELIAS, WIE HAT SICH DEINE RELIGIOSITÄT ENTWICKELT?
Elias: Meine Eltern haben mir ihre Religion nicht aufgezwungen, ich wollte sie aber auch nicht per se ablehnen. Aufgewachsen bin ich in Deutschland zu einer Zeit, in welcher der Islam wohl zur kontroversesten Religion überhaupt geworden ist. Mich hat der Glaube schon früh interessiert, aber ich wollte zuerst verstehen, worum es geht, bevor ich entscheide, was ich davon halte. Beeinflusst wurde ich dann stark von zwei islamischen Gelehrten, Ibn Rushd und Mohammed Abduh. Beide vertreten die Ansicht, dass man Religion mit Vernunft erklären kann. Dass also hinter jeder Regel und jeder Idee ein bestimmter Grund steht, ein bestimmtes Ziel. Also habe ich immer gefragt: Was bezweckt diese Regel? Und bezweckte sie im 7. Jahrhundert, als sie verfasst wurde, möglicherweise etwas anderes als heute? Oder ist vielleicht das Ziel noch das gleiche, aber der Weg dorthin kann ein ganz anderer sein?

WIE KAMST DU ALS HETERO DARAUF, ÜBER DEN UMGANG MIT LGBTI* IM ISLAM EINE BACHELORARBEIT ZU VERFASSEN?
Elias: Zu Beginn war mir das Thema nicht sehr nahe, weil ich im Umfeld niemanden kenne, den dies direkt betrifft. Aber ich bin ohne Vorurteile aufgewachsen und habe dann im Studium realisiert, dass sich anhand von Homophobie viele Probleme aufzeigen lassen, mit denen die islamische Welt heute ringt. Zuerst habe ich mich für ein Referat damit beschäftigt und staunte dann, wieviel historisches Material sich dazu findet – also entschied ich, auch meine Bachelorarbeit darüber zu schreiben.

UND HALTEN DICH DIE MEISTEN NUN DESWEGEN FÜR SCHWUL?
Elias: (lacht) Die meisten sprechen mich nicht direkt darauf an, wohl weil sie sich sorgen, in ein Fettnäpfchen zu treten. Meine Mutter hat zugegeben, dass sie es aufgrund meiner Themenwahl für möglich gehalten hätte, dass ich schwul bin, wenn ich keine Freundin hätte. Es ist eine gängige Vorstellung, dass Menschen, die sich damit beschäftigen und dafür engagieren, persönlich betroffen sein müssen. Daran müssen wir arbeiten.

CHRISTIAN, WIE WAR DEIN COMING-OUT? UND WESHALB BIST DU AUSGERECHNET ZUM ISLAM KONVERTIERT?
Christian: Ich bin als deutscher Protestant in Nürnberg aufgewachsen und hatte mit 19 mein Coming-out. Für mich innerlich war es unkompliziert, aber mit meiner alleinerziehenden, frommen Mutter gab es schon Verwerfungen. Das führte dazu, dass ich die Schule abbrach und zu arbeiten begann; ich engagierte mich dann schon bald bei der Aids-Hilfe in der HIV-Präventionsarbeit. Fast gleichzeitig bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil mich die nicht abgeholt hat, wo ich war. Anschliessend habe ich mich mit allen möglichen Religionen beschäftigt, und der Islam hat mich schon damals eigentlich angesprochen, aber als schwuler Mann fand ich ihn nicht sonderlich einladend. Und so lebte ich lange als Monotheist für mich selbst, gläubig, aber nicht eingebunden in eine bestimmte Religion oder Rituale. Aber Gott war da, und es entwickelte sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Später kam es dann zu metaphysischen Erlebnissen, die mich doch noch zum Islam führten, weil ich realisierte, dass es auch einen Weg gibt, ihn progressiv und inklusiv zu leben. Offiziell konvertierte ich am 31. August 2017. Die Imam-Ausbildung habe ich dann begonnen, weil ich muslimische LGBTI*-Menschen unterstützen wollte, was ich nun heute tue.

GIBT ES ISLAMISCHE LÄNDER, IN DENEN DIE LAGE FÜR LGBTI* BESSER IST ALS IN SAUDI ARABIEN?
Elias: In Marokko und besonders in Tunesien geht es in die richtige Richtung – noch nicht rechtlich, aber im Alltag. In Casablanca gibts sogar schwule Bars, nicht offiziell, aber
die ganze Stadt weiss, wer sich dort trifft. Der Libanon gilt ebenfalls als relativ offen und frei, sogar in der arabischen Welt hat er dieses Image. In Ägypten gibt es immerhin Einzelpersonen, die offen auftreten, aber gesellschaftlich ist man noch weit weg von Fortschritten.
Christian: Dort geht es sogar eher rückwärts. Es gibt systematische Verfolgungen von Schwulen, obwohl Homosexualität nicht gesetzlich verboten ist. Man beruft sich stattdessen auf einen Paragraphen über die guten Sitten. Dass sie nicht offiziell kriminalisiert werden, macht es für homosexuelle Ägypter schwer, in Europa Asyl zu bekommen. In diversen Ländern scheint «Don’t ask, don’t tell» ganz gut zu funktionieren. Solange man es nicht offiziell macht, ist viel möglich, sogar Partys.
Kerem: In Pakistan wird seit kurzem ein drittes Geschlecht anerkannt, damit sind sie weiter als viele westliche Länder. Auch im Iran gibt es in den Debatten unter den Theologen Signale von grösserer Offenheit. Es tut sich mehr, als man hier gemeinhin mitbekommt.

WAS BRÄUCHTE ES, DAMIT SICH DIE LAGE IN ALLEN ISLAMISCHEN LÄNDERN BESSERT? MÜSSTE ES ÄHNLICH LAUFEN WIE IN EUROPA, WO MAN HOMOSEXUALITÄT IN DEN 50ER- UND 60ER-JAHREN EBENFALLS SEHR ABLEHNEND GEGENÜBERSTAND?
Mazin: Wir brauchen mutige Menschen wie diese drei hier, die solche Themen in die Öffentlichkeit tragen und Diskussionen auslösen.
Elias: Mehr historisches Wissen und Bewusstsein über die eigene Kultur würde helfen, denn die eigene kulturelle Identität wird dadurch mitgeformt. Ganz wichtig wäre es auch, Kritik gegenüber religiösen Autoritäten zuzulassen, das ist leider derzeit nicht sehr verbreitet. Mein Glaube wurde durch Hinterfragen klar gestärkt. Aus meiner Sicht aber ist die Herausforderung nicht die gleiche wie jene in Europa vor 50 Jahren. Auch die islamische Welt hat sich seither entwickelt, einfach anders. Die gleichen Rezepte anzuwenden wie einst in Europa würde nicht funktionieren.

«Im Westen gab es die sexuelle Revolution, bei uns die islamische, die alles konservativer gemacht hat. Es bräuchte ein besseres Verständnis der eigenen Religion, mehr Spielraum, nicht alles so hinnehmen zu müssen wie es derzeit ist.» MAZIN

IN EUROPA WURDE RELIGION WENIGER WICHTIG FÜR DIE MEISTEN MENSCHEN, DIE 68ER BRACHTEN FRISCHEN WIND IN DIE GANZE GESELLSCHAFT, WAS ZU EINER GENERELLEN ÖFFNUNG UND LOCKERUNG FÜHRTE. WARUM SOLLTEN SOLCHE ENTWICKLUNGEN IN DER ISLAMISCHEN WELT NICHT ÄHNLICH WIRKEN?
Elias: Würden sie vielleicht, aber ich halte es nicht für realistisch, dass das so passieren könnte. Umso mehr, als die Abgrenzung vom Westen ein so wichtiger Bestandteil der islamischen Identität geworden ist.
Mazin: Im Westen gab es die sexuelle Revolution, bei uns die islamische, die alles konservativer gemacht hat. Es bräuchte ein besseres Verständnis der eigenen Religion, mehr Spielraum, nicht alles so hinnehmen zu müssen wie es derzeit ist. Wie Elias schon sagte: Wer heute Fragen stellt, rennt meist gegen eine Wand und bekommt zur Antwort, dass der Islam nicht hinterfragt werden darf. Selber denken ist nicht erwünscht.
Christian: Diese Freiheit müssen wir uns zurückerobern. Denn es gab sie mal, und genau da müssen wir wieder hin.
Mazin: Aber wie?
Christian: Die Dinge bewegen sich schon jetzt, immer mehr Leute realisieren, dass sich die islamische Welt verändern muss. Und wir haben heute etwas Mächtiges, das es früher nicht gab: moderne Technologien. Auch jemand in einem abgelegenen Bergtal in Pakistan hat mit Hilfe des Internets Zugang zu Wissen und Menschen auf der ganzen Welt. Online entdecken LGBTI* plötzlich Rollenmodelle, an denen sie sich orientieren können – Vorbilder, von denen es auch in muslimischen Ländern mehr braucht.
Mazin: Die aber an manchen Orten ihr Leben oder ihre Freiheit riskieren würden.
Christian: Zugegeben. Aber als schwuler Imam bin ich beispielsweise täglich in Kontakt mit LGBTI* in diesen Ländern, via Skype, und merke wie wichtig das ist, wie gut es ihnen tut, mit jemandem über diese Dinge sprechen zu können. Natürlich muss man vor Ort vorsichtig sein, es ist schwierig, mancherorts gar gefährlich. Doch solche Strukturen beginnen klein und wachsen mit der Zeit. Letztlich
aber müssen wir mit unserer Interpretation des Islams eine Mehrheit der Gläubigen erreichen, um einen echten Wandel zu bewirken. Es braucht mehr Zeitungsartikel, mehr Diskussionsrunden, mehr direkte Gespräche mit Gläubigen. Idealerweise entwickeln sich so Gemeinschaften, in denen sich Gläubige aller Art finden, auch LGBTI*, die sich dort sicher und gestützt fühlen. Und wenn das physisch zunächst noch nicht geht, dann halt erst mal digital. Auf diesem Weg hat auch ein schwuler Muslim aus Somalia plötzlich Zugang zu einem progressiven, inklusiven Islam. Kerem: Bei uns ist die digitale Gemeinde derzeit grösser, da schalten sich 20 bis 30 Leute ein. Bei den physischen Versammlungen am Freitagabend in Schlieren sind wir machmal nur zu dritt. Aber das kommt schon noch. Ich finde, wir müssten das Thema in Moscheen und religiösen Gemeinschaften viel aktiver aufgreifen – und so Aufklärung betreiben. Die Herausforderung ist, dass die Probleme in der islamischen Welt auf so vielen Ebenen bestehen: politisch, theologisch, gesellschaftlich, kulturell und individuell. Da müssen also viele Akteure aus vielen Bereichen zusammenarbeiten, um eine Veränderung zu erreichen, die tatsächlich spürbar ist. Zentral ist der Umbau des Machtgefüges bei den religiösen Strukturen. Es muss möglich werden, Institutionen des Glaubens zur Rechenschaft zu ziehen. Wir brauchen eine Diversifikation von Meinungen anstelle des heutigen Einheitsbreis: Einheit in der Vielfalt statt Stillstand in der Einfalt. Diese Vielfalt muss geübt, gelehrt und vorgelebt werden.
Christian: Ironischerweise könnte die Religion dabei helfen, dorthin zu kommen. Wir müssten uns nur wieder darauf besinnen, worum es im Kern beim Islam geht – und bei allen grossen Buchreligionen: um Liebe, Frieden und Akzeptanz von allen Menschen. Das sind die Werte, auf die wir fokussieren sollten. Und vergessen wir nicht: Überall, wo Menschen sind, da ist auch Hoffnung.


DIE GESPRÄCHSPARTNER

KEREM ADIGÜZEL (31)

hetero, mit türkischen Wurzeln in der Schweiz geboren und aufgewachsen, Software-Ingenieur bei den SBB, ist verheiratet und lebt in Olten. Er ist Präsident des Vereins «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» und Mitglied der Istanbul Koranic Research Association. Beide Organisatio- nen vertreten die Haltung, dass Frauen und LGBTI* auch aus der Perspektive des Korans in jeder Hinsicht gleich- berechtigt behandelt werden sollten und setzen sich aktiv dafür ein. In seinem Buch «Schlüssel zum Verständnis des Koran» zeigt er auf, wie seine Lesart methodisch-systema- tisch aufgebaut ist.

www.alrahman.ch

ELIAS (21)

hetero, deutscher Vater, marokkanische Mutter, in Deutsch- land geboren und aufgewachsen, Student der Religionswis- senschaften, hat gerade eine Bachelorarbeit über LGBT+ im Islam abgeschlossen, lebt in München

CHRISTIAN AWHAN HERMANN (48)

schwul, 2017 zum Islam konvertiert, hat kürzlich die Imam-Ausbildung abgeschlossen und ist einer von nur zwei schwulen Imamen in Deutschland (der zweite tritt allerdings nicht offen auf), lebt mit seinen zwei Katzen in Berlin www.facebook.com/Awhan.Berlin

MAZIN (34)

schwul, aus Saudi Arabien, IT-Spezialist, lebt seit einigen Jahren in der Schweiz (nicht abgebildet)