In den letzten Monaten kam es vor allem in Zürich gehäuft zu Angriffen auf Schwule – meist durch junge Männer mit Migrationshintergrund. Auch bei Tabea Hässler und Léïla Eisner, die jedes Jahr eine grosse Umfrage über die Lebensbedingungen von LGBTI*-Menschen in der Schweiz machen, werden viele Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen gemeldet. Die Sozialpsychologinnen plädieren unter anderem für mehr Aufklärungsarbeit an Schulen und unter Migrantengruppen.

 

Habt ihr selbst schon Diskriminierung oder gar Gewalt erlebt?

Léïla: Es gibt immer wieder mal Probleme mit Männern, die nicht einsehen wollen, dass man sich sexuell nicht für sie interessiert… Auch unsere Daten zeigen, dass Diskriminierung leider immer noch ein Problem ist. Angehörige sexueller und geschlechtlicher Minderheiten werden beleidigt und fühlen sich teilweise ausgeschlossen. Es gibt aber Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen: Frauen erfahren zum Beispiel mehr sexualisierte Gewalt, Männer und trans Frauen etwas öfter körperliche Gewalt.

Tabea: Bei mir fing es im Grunde schon in der Schule an, in Rheinfelden (D), wo sexuelle und geschlechtliche Minderheiten einfach gar kein Thema waren. Tabu war es auch an der Sportuniversität in Köln, wo abwertende Sprüche Standard waren und es schwule Sportler gab, die offiziell eine Doppelidentität mit Freundin lebten. Einige Studierende unterbrachen sogar das Studium, weil sie mit dem Versteckspiel nicht mehr klarkamen.

 

In letzter Zeit wurden in der Schweiz häufiger Übergriffe auf Schwule bekannt, speziell in Zürich. Gibt es tatsächlich mehr Vorfälle oder werden sie nur häufiger publik?

Léïla: Das lässt sich leider nicht sagen, weil es in der Schweiz keine offiziellen Statistiken dazu gibt. Aber es scheint derzeit schon eine Häufung zu geben. In unserer Umfrage, die wir 2019 das erste Mal durchgeführt haben, sind die Zahlen relativ hoch: über 90% der 1500 Befragten gaben an, dass sie bereits Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ausgesetzt waren. Über 60% haben Mobbing erlebt, 55% sexuelle Belästigung durch Männer. Und 25% haben körperliche Gewalt erlebt. Da wir die Umfrage nun jedes Jahr machen, werden wir mit der Zeit auch eine Entwicklung sehen.

Tabea: Unsere Studie ergab ausserdem, dass trans und non-binäre Personen mehr Diskriminierung erfahren als cis-gender Personen. Aber die Dunkelziffer ist hoch, weil sich einige noch immer nicht getrauen, nach einem Angriff zur Polizei zu gehen. Und verlässliche repräsentative Zahlen fehlen – es wäre deshalb extrem wichtig, dass die Polizei Hassverbrechen aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität statistisch erfasst. Aber eine Vermutung kann man anstellen: Wenn das Thema gerade kontrovers diskutiert wird, wie vor der Abstimmung im Februar zur Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm um sexuelle Orientierung, fühlen sich vielleicht mehr Leute in ihrer Abneigung gegenüber LGBTI* bestätigt und schlagen eher mal zu.

 

Und verglichen mit früheren Zeiten als Homophobie gesellschaftlicher Mainstream war?

Tabea: Auch da können wir nur Vermutungen anstellen. Aber in Zeiten oder Gesellschaften, wo Homophobie die Norm ist, exponieren sich Angehörige sexueller Minderheiten natürlich weniger und erleben dadurch vermutlich eher weniger Gewalt. In der Regel sieht man lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen ihre sexuelle Orientierung ja nicht an, ethnische Minderheiten sind so gesehen gefährdeter. Allerdings gab es zum Beispiel in den 50er- und 60er-Jahren systematische Polizeigewalt, etwa bei Razzien, auch in der Schweiz.

Tabea Hässler (31) ist Sozialpsychologin an der Universität Zürich

 

Auffällig ist, dass die Vorfälle in letzter Zeit in der Regel von jungen Männern mit Migrationshintergrund ausgingen, meist vom Balkan oder Nahen Osten, oft Muslimen. Ist das Zufall? Oder gibt’s da tatsächlich ein Problem?

Tabea: Der kulturelle Hintergrund hat natürlich schon einen grossen Einfluss. Es gibt noch immer Länder, in denen Homosexualität tabu ist und gar mit der Todesstrafe geahndet wird. Und: Leute mit traditionellen Rollenbildern sind eher queerphob. Die finden sich in einigen Migrantenfamilien, aber auch bei Rechtsextremisten und klassisch Konservativen.

Léïla: Wichtig ist auch der Kontakt zu queeren Menschen: Wer jemanden aus dieser Gruppe kennt, realisiert schnell, dass dies ganz «normale» Leute sind. Kommt man aus einer Kultur, wo das weniger akzeptiert ist, outet man sich eher nicht, was dazu beiträgt, dass sich die Haltung «bei uns gibt’s das nicht!» halten kann.

 

Was kann man tun, um diese Leute zu erreichen?

Tabea: Die Schulen wären extrem wichtig, denn dort erreicht man auch Kinder und Jugendliche aus Familien mit traditionellen Rollenbildern. Hier könnte man aufklären, Empathie aufbauen. Da liesse sich noch einiges tun, auch wenn es immer mehr Lehrer_innen gibt, welche die Schulbesuchsgruppe GLL einladen («Gleichgeschlechtliche Liebe Leben») und das Thema so in den Fokus rücken. Ich selbst bin dort auch aktiv und habe den Eindruck, dass einige Schüler_innen bei dem Thema weiter sind als die Erwachsenen. Aber es gibt auch Kinder, die echt zwischen zwei Stühlen sitzen. Bei einem Besuch kürzlich fragte ein Junge, was er machen solle: Wir und die Lehrer_innen sagten ihm, Homosexualität sei okay, aber seine Eltern sagten das Gegenteil.

 

Und was habt ihr ihm geantwortet?

Tabea: Dass seine Eltern vielleicht einfach noch nie die Chance hatten, Schwule, Lesben oder Bisexuelle persönlich kennenzulernen und zu sehen, dass die doch eigentlich ganz «normal» sind. Wichtig ist, die Position der Eltern nicht einfach zu brandmarken, sondern eher aufzuzeigen, dass auch sie vielleicht noch dazu lernen können. Hilfreich wäre auch, Schülerinnen und Schüler zu identifizieren, die besonders einflussreich sind und mit denen zu arbeiten, damit sie diese positive Haltung streuen können – natürlich sollten darunter auch solche mit Migrationshintergrund sein.

Léïla: Auch in Sportvereinen und Jugendgruppen kann man Jugendliche mit diesem Thema erreichen. Dort könnte man ebenfalls noch einiges mehr tun.

 

Wie kommt man mit diesem Thema an die Eltern ran?

Tabea: Bildung hat einen grossen Einfluss. Auch unter Muslim_innen gibt’s Eltern, die dem LGBTI*-Thema sehr offen gegenüberstehen. Aber wenn traditionelle Rollenbilder dominieren, steht der Mann oben und die Frau unten – und das wird von queeren Menschen aufgebrochen und führt zu Konflikten. Besonders homophob treten Männer auf, die in ihrer eigenen Männlichkeit verunsichert sind.

Léïla: Kontakt zu LGBTI* wäre sehr hilfreich. Der könnte zum Beispiel auch bei der Arbeit entstehen. Studien zeigen ausserdem, dass eine Ausweitung der Rechte – etwa die Ehe für alle – auch die Einstellung in der Gesamtbevölkerung positiv beeinflussen. Ganz wichtig sind auch Vorbilder: Wenn sich angesehene Personen des eigenen Kulturkreises outen oder offen für die Akzeptanz von LGBTI* plädieren, kann das sehr viel bewirken.

Tabea: Migrantenvereinigungen sollten solche Angriffe unmissverständlich verurteilen und klarstellen, dass sie sowas nicht tolerieren. Man könnte gezielt versuchen, solche Leute zu erreichen und sie davon zu überzeugen, Stellung zu beziehen. Und ganz wichtig ist natürlich, dass geoutete Menschen mit Migrationshintergrund in der LGBTI*-Gemeinschaft aufgenommen und akzeptiert sind. Ich habe kürzlich einen schwulen Schweizer mit türkischem Hintergrund kennengelernt, der fand, er gehöre nirgends richtig dazu: In der Community nicht, weil er Türke ist, bei den Türken nicht, weil er schwul ist.

 

Viele in der LGBTI*-Gemeinschaft tun sich schwer, offen darüber zu diskutieren, dass die Gewalt häufig von jungen Männern mit Migrationshintergrund ausgeht. Auch weil man nicht möchte, dass dies von Rechtspopulisten und Fremdenfeinden instrumentalisiert wird. Aber wenn man nicht darüber redet, kann man das Problem auch nicht angehen. Wie dies also tun, ohne damit den «Falschen» in die Hände zu spielen?

Tabea: Das ist tatsächlich nicht leicht. Aber man kann wirklich festhalten, dass die Gewalt vor allem mit traditionellen Rollenbildern zusammenhängt, die sich ja besonders in der rechten Szene ebenfalls finden – und im Sport. Das nimmt den Fokus ein wenig weg vom Migrationshintergrund. Aber es ist halt tatsächlich so, dass solche Rollenbilder unter Einwanderern aus bestimmten Ländern besonders verbreitet sind. Dahinter steckt letztlich immer dasselbe: das klassische Männlichkeitsbild, das durch sexuelle Minderheiten in Frage gestellt wird, gekoppelt mit dem Klischee, dass schwule Männer eben keine «richtigen» Männer sind.

Léïla Eisner (27) ist Sozialpsychologin an der Universität Lausanne

 

Was können LGBTI*-Organisationen tun?

Léïla: Noch mehr Öffentlichkeits- und Medienarbeit machen. Etwa persönliche Geschichten erzählen – auf diese Weise werden Wissen und Empathie aufgebaut und Ängste abgebaut. Und solche persönlichen Geschichten sollte man unbedingt auch anhand von ethnischen Minderheiten erzählen, damit die sich auch angesprochen fühlen.

Tabea: In Köln gibt’s ein Fussballturnier, wo schwule, bi- und lesbische Mannschaften gegen heterosexuelle Teams antreten. Da kommen Leute zusammen, die sonst kaum miteinander zu tun hätten, es herrscht auch grosse ethnische Diversität. Und es ist ein unverdächtiger Kontext: Die Leute sind dort, um ihr Hobby auszuüben, Spass zu haben – und nebenbei lernen sie, dass Schwule und Bisexuelle auch Fussball spielen können und eigentlich ganz nett sind. Vielleicht könnte man sowas ja auch hier organisieren. Überhaupt hilft es, wenn Fussballvereine und -spieler_innen sich demonstrativ für die Akzeptanz von LGBTI* einsetzen.

 

Der Zürcher Club Heaven hat nun eine eigene Security, die nachts in den Strassen rund um den Club nach problematischen Leuten Ausschau hält. Und die Polizei zeigt offenbar auch mehr Präsenz. Kann man sonst noch etwas tun?

Léïla: Möglichst viele Menschen und Institutionen sollten solche Angriffe klar und deutlich verurteilen. Je mehr die Gesellschaft als Ganzes zeigt, dass sie das nicht toleriert, desto besser. Und Opfer sollten solche Vorfälle unbedingt anzeigen. Wichtig wäre auch, mehr Zivilcourage zu zeigen, wenn man einen solchen Angriff mitbekommt, aber das ist natürlich nicht leicht und je nach dem auch nicht ungefährlich.

Tabea: Mediales Interesse ist ebenfalls hilfreich, das hält den Druck aufrecht und zeigt, dass die Gesellschaft dieses Problem ernst nimmt.

 

Müsste auch die Polizei noch stärker sensibilisiert werden oder sind wir da auf guten Wegen?

Tabea: In grossen Städten wie Zürich schon, denke ich, aber es gibt definitiv noch Luft nach oben in ländlichen Gegenden. Polizist_innen sollten entsprechend ausgebildet und sensibilisiert werden. Nicht zuletzt wäre das auch ein klares Zeichen an alle LGBTI*, dass die Polizei da ist, um zu helfen, falls etwas passiert. Es ist ganz wichtig, dass ein solches Signal von der Polizei selbst kommt, dann getrauen sich auch mehr, solche Vorfälle anzuzeigen, und die Dunkelziffer würde sinken.

Global gesehen sind wohl trans Menschen am stärksten mit Gewalt konfrontiert. Jedes Jahr werden einige Hundert ermordet. Weshalb tun sich so viele gerade mit ihnen so schwer?

Tabea: Weil sie, insbesondere trans Frauen, traditionelle Rollenbilder besonders stark in Frage stellen. Da wechseln Männer quasi freiwillig ihre hochangesehene Rolle und greifen so grundsätzlich die Stellung des «starken Geschlechts» an. Einige Männer empfinden das als Bedrohung ihrer Männlichkeit. Manche sind vielleicht auch verunsichert, weil sie sich nicht sicher sein können, ob die Frau vor ihnen, von der sie sich angezogen fühlen, wirklich eine «echte» Frau ist. Sowas löst Aggressionen und ab und zu brutale Gewalt aus. Umso paradoxer, dass ausgerechnet diese Gruppe bei uns weiterhin nicht durch die Antidiskriminierungs-Strafnorm geschützt ist.

 

Wie kann man ihre Lage verbessern?

Tabea: Im Grunde gilt hier das gleiche Vorgehen wie für die gesellschaftlichen Fortschritte bei Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Gegenüber trans und anderen non-binären Menschen herrscht allerdings noch viel mehr Unwissen. Auch hier würden direkte Kontakte helfen – viele Leute kennen schlicht keine trans Menschen persönlich. Es braucht also höhere Sichtbarkeit im Alltag, Informationen im Schulunterricht und die unmissverständliche Unterstützung durch LGB und heterosexuelle cis-Menschen.

 

Wir sehen derzeit in der westlichen Welt zwei grosse Trends, die parallel laufen: LGBTI*-feindliche Rechtspopulisten gewinnen an Boden, was teilweise auch Gewalt gegenüber queeren Menschen verstärkt. Auf der anderen Seite sind zumindest Lesben, Schwule und Bisexuelle dermassen selbstverständlich geworden, dass sie auch Abstimmungen wie die im Februar komfortabel gewinnen. Welcher Trend wird sich durchsetzen?

Tabea: Wir müssen uns immer bewusst sein, dass die erreichten Fortschritte nicht einfach bleiben, dass es immer die Gefahr von Rückschritten gibt. Und je abschätziger und gewalttätiger die Rhetorik rechter Parteien, desto eher fühlen sich Gewalttäter_innen darin bestätigt, etwas unternehmen zu dürfen; sie glauben dann, damit die stille Mehrheit zu vertreten. Wir müssen also wachsam bleiben und weiterkämpfen. Und die gesellschaftliche Mehrheit muss sowas unmissverständlich ächten. Da könnte man durchaus noch mehr machen.

Léïla: Insgesamt bin ich aber für unseren Teil der Welt optimistisch, dass sich der positive Trend durchsetzt – vorausgesetzt wir bleiben weiterhin aktiv dran.

 

Tabea Hässler und Léïla Eisner suchen auch immer weitere queere Menschen für ihre Umfrage (20-30 Minuten): https://tinyurl.com/SwissLGBTIQ 

Illustrationen: Debora Gerber

 

Forum Hate Crime

Ende Februar fand unter der Schirmherrschaft von SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr und organisiert von Pink Cross das «Forum Hate Crime» statt. Eingeladen waren Vertreter_innen aus der LGBTI*- Community sowie Repräsentant_innen aus Politik, Behörden und Zivilgesellschaft. Initiiert wurde dieses Forum im Bewusstsein, noch aktiver werden zu müssen – und mit dem Ziel, Politik, Behörden und Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen für diese aggressive Form der Homo- und Transphobie in der Schweiz.

Neben Fachvorträgen diskutierten die etwa 50 Teilnehmer_innen die Ursachen und suchten nach Massnahmen, welche kurz- und langfristig umgesetzt werden können, um Gewalt im öffentlichen Raum, insbesondere im Nachtleben, zu verhindern.

Einigkeit herrschte, dass die statistische Erfassung von Hassverbrechen zwingend erforderlich ist, um die Dimension des Problems sichtbar zu machen und Strategien zu dessen Bekämpfung zu entwickeln. Damit einhergehen muss eine weitere Sensibilisierung der Sicherheitsorgane und involvierten Behörden. Die konsequente Verfolgung und Ahndung entsprechender Straftaten muss selbstverständlich sein. Wichtig ist aber auch, den Opfern von Hassverbrechen adäquate Hilfs- und Beratungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Den besten Schutz allerdings bietet eine tolerante, diversitätsfördernde Gesellschaft – und deren Werte müssen in Erziehung und Bildung eindeutig vermittelt und vorgelebt werden. (jp)